Sonntagsausgabe
Bitte nicht alles aifizieren

Die Sonntagsausgabe: ein längerer Text für den zweiten Kaffee, jeden Sonntag ein Grundsatzthema. Letzte Woche ging es um Passwörter, Personendaten und KI. Heute um ein Wort, das wir beinahe zu unserem Claim gemacht hätten.
Diese Woche sass ich in einem Branding-Gespräch — genauer: Ich habe mit meinem KI-Agenten über Claims nachgedacht, so ehrlich muss die Geschichte sein. Dabei ist ein Wort entstanden, das mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht: aifizieren. Alles aifizieren. AI everything. Es klingt gut, es bleibt hängen, es wäre ein prima Firmenclaim.
Wir haben uns dagegen entschieden. Und der Grund dafür ist ein besserer Text geworden, als der Claim je gewesen wäre — denn «alles aifizieren» ist genau das, was gerade überall passiert. Und es ist in dieser Pauschalität das falsche Ziel.
Der Reflex
Man kann es niemandem verübeln. Die Werkzeuge sind beeindruckend, die Versprechen grösser, und der Druck ist real: Jede Woche erzählt jemand am Stammtisch oder auf der Bühne, seine Firma habe jetzt «KI in allem». Also entsteht der Reflex: KI ins Kontaktformular, KI in die Offerten, KI in die Mails, KI ins Protokoll, KI in die Buchhaltung — und zwar sofort, bevor es die Konkurrenz tut.
Ich baue selbst gerade mein ganzes digitales Leben um einen KI-Agenten herum. Man kann mir schwer vorwerfen, ich sei ein Skeptiker. Genau deshalb erlaube ich mir den Einwand: Der Reflex verwechselt das Werkzeug mit dem Ziel. Niemand hat je eine Firma «digitalisiert», indem er wahllos Software gekauft hat — und niemand macht eine Firma zukunftsfähig, indem er wahllos KI hineinkippt.
Drei Filter statt ein Reflex
Was in die Hände einer KI gehört und was nicht, lässt sich mit drei Fragen sortieren. Sie sind unspektakulär, und genau darum funktionieren sie.
Filter eins: Was passiert, wenn es schiefgeht — und merkt es jemand? KI-Arbeit ist schnell, aber nicht fehlerfrei. Entscheidend ist darum nicht, ob ein Fehler passieren kann, sondern ob er auffällt und sich rückgängig machen lässt. Ein Agent, der Code schreibt, der durch Tests und eine Prüfung muss, bevor er live geht: unkritisch — der Fehler bleibt im Netz hängen. Ein Agent, der ungeprüft Offerten an Kunden verschickt: ein anderes Kaliber. Die Regel: Je schwerer ein Fehler zurückzuholen ist, desto mehr Prüfung gehört zwischen KI und Wirkung. Bei mir gilt sie wörtlich — jede Änderung läuft durch einen dokumentierten, revisionssicheren Prozess, und die letzte Freigabe vor allem, was nach aussen geht, ist ein Mensch.
Filter zwei: Welche Daten sieht das Werkzeug dabei? Das war die Sonntagsausgabe von letzter Woche in einem Satz: Datenklassen definieren, und pro Klasse entscheiden, welche Werkzeuge sie sehen dürfen und wo sie verarbeitet werden. «Alles aifizieren» heisst nämlich implizit: alles zeigen. Wer den Reflex durch diesen Filter schickt, merkt schnell, dass ein Teil des «alles» nur auf eigener Infrastruktur oder gar nicht in KI-Hände gehört.
Filter drei: Ist der Prozess überhaupt bereit? Der unbequemste Filter. Eine KI, die einen chaotischen Prozess übernimmt, produziert Chaos in höherer Geschwindigkeit. Wenn das Wissen in Köpfen steckt statt in Dokumenten, wenn jeder Fall «ein Sonderfall» ist, wenn niemand sagen kann, was eigentlich die Regel wäre — dann ist nicht KI der nächste Schritt, sondern Aufräumen. Das klingt nach der langweiligeren Antwort. Es ist die billigere.
AI-ready statt AI-everything
Damit ist der Gegenentwurf eigentlich schon formuliert. Nicht «KI in alles», sondern in dieser Reihenfolge: Prozesse dokumentieren. Systeme wählen, die sich steuern lassen. Datenregeln festlegen. Und dann — dort, wo die drei Filter grün zeigen — Agenten übernehmen lassen. Wer so vorgeht, aifiziert am Ende womöglich sehr viel. Aber kontrolliert, nachvollziehbar, in der richtigen Reihenfolge — und mit dem ruhigen Gewissen, jederzeit zu wissen, was die KI sieht und tut.
Das ist übrigens der Unterschied zwischen zwei Sätzen, die fast gleich klingen: «Wir setzen überall KI ein» und «Wir können überall KI einsetzen, wo es sich lohnt». Der erste ist ein Reflex. Der zweite ist eine Fähigkeit. Die Fähigkeit heisst AI-ready, und sie ist das eigentliche Ziel.
Was ich bewusst nicht aifiziere
Damit das nicht abstrakt bleibt — eine kleine, ehrliche Liste aus meinem eigenen Umbau. Dinge, die bei mir absichtlich keine KI anfasst:
- Die Wiederherstellungscodes der wichtigsten Konten. Sie stehen auf Papier, ausserhalb jedes Systems. Nicht weil ich der KI misstraue, sondern weil ein Generalschlüssel in keinem angreifbaren System liegen soll — von niemandem bedienbar heisst auch: von niemandem stehlbar.
- Die letzte Freigabe. Kein Beitrag geht online, kein Code auf den Hauptzweig, keine Mail an Dritte ohne einen Menschen, der Ja sagt. Der Agent bereitet vor, prüft, dokumentiert — die Verantwortung bleibt hier.
- Das Urteil über Ton und Haltung. Mein Agent schreibt Entwürfe, und er schreibt gute. Aber ob ein Text nach mir klingt, ob eine Formulierung ehrlich ist oder nur clever — das entscheidet keine Maschine. Diese Woche hat er gelernt, dass in meinen Texten keine Emojis stehen. Von mir, nicht von sich.
- Beziehungen. Kein Agent beantwortet bei mir Kundenmails zu Ende. Er darf vorsortieren und Fakten zusammenstellen. Das Gespräch führe ich.
Man sieht das Muster: Es sind nicht die «schwierigen» Aufgaben, die menschlich bleiben — der Agent kann Schwieriges. Es sind die Stellen, an denen Unumkehrbarkeit, Vertrauen oder Verantwortung im Spiel sind.
Die Sonntagsfrage
Falls der Montag ohnehin schon einen KI-Plan für deine Firma vorsieht, hier die Frage zum Mitnehmen: Welcher eurer Prozesse würde von KI am meisten profitieren — und würde er alle drei Filter bestehen: Fehler fallen auf, die Daten dürfen dorthin, der Prozess ist dokumentiert? Wenn ja: aifizieren, von Herzen. Wenn nein: Der Weg dorthin ist das eigentliche Projekt — und er ist kürzer, als er aussieht, wenn man ihn in der richtigen Reihenfolge geht.
Und wie funktioniert das technisch? Für alle, die es genau wissen wollen, gibt es zum zweiten Filter einen Anhang: die technische Zeichnung — eine einzige Grafik, die zeigt, welche Daten in welches KI-Werkzeug dürfen und wo für die Kronjuwelen Schluss ist. Ohne Informatikstudium, versprochen.
Fragen, Widerspruch, ein eigener Reflex? Schreib mir — ich antworte selbst. Nächsten Sonntag: die dritte Ausgabe, eine persönlichere.