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Sonntagsausgabe

Nochmal Anfänger — mit 25 Jahren IT im Rücken

26. Juli 2026

Sonntagsausgabe 03 — Nochmal Anfänger, mit 25 Jahren IT im Rücken
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Die Sonntagsausgabe: ein längerer Text für den zweiten Kaffee. Nach Passwörtern und dem Aifizieren-Reflex heute etwas Persönliches: eine Geschichte übers Neuanfangen.

Es gibt einen Satz, der wörtlich so in meinem Arbeitsverlauf steht, getippt irgendwann zwischen zwei Konfigurationsdateien: «Ich muss auch noch Omarchy lernen!» Mit Ausrufezeichen. Man liest die leichte Panik mit.

Zur Einordnung: Ich arbeite seit über 25 Jahren in der Informatik. Ich habe die weltweite IT eines Unternehmens verantwortet, Rechenzentren, Migrationen, Budgets. Und dann sass ich vor meinem neuen Notebook mit einem bewusst gewählten, eigenwilligen Arch-Linux-System — und wollte eine Datei bearbeiten. Kein vi installiert. Gut, dann eben der andere Editor. Im nvim angekommen, scheiterte ich daran, sauber zu kopieren. Kopieren. Die Operation, die ich seit dem letzten Jahrtausend täglich ausführe.

In derselben Woche habe ich — physisch im Liegestuhl, die Ferien hatten offiziell schon angefangen — Grundlagenfragen gestellt, für die sich ein Erstsemester geniert hätte: Wofür ist eigentlich tmux da? Wie funktionieren Passkeys mit dem Fingerabdrucksensor unter Linux? Warum tut dieses Fenster nicht, was ich will?

Diese Ausgabe handelt davon, warum das die beste Arbeitswoche seit Langem war.

Die Angst, die keiner ausspricht

Reden wir zuerst über das Gefühl, denn das kennen nicht nur Informatiker. «Nochmal von vorn anfangen» ist eine der teuersten Ängste im Berufsleben. Sie hält Entwickler auf sterbenden Technologien fest, Firmen auf Systemen, die niemand mehr anfassen will, und ganze Karrieren in der Komfortzone. Die Rechnung dahinter war immer rational: Neulernen kostete Wochen und Monate — Handbücher, Foren, Herumprobieren, und niemand, den man um drei Uhr nachmittags etwas Peinliches fragen konnte, ohne Zeit oder Gesicht zu verlieren.

Bei Firmen heisst dieselbe Angst «unsere Leute können das nicht». Sie ist der heimliche Grund, warum das alte System noch läuft, obwohl es alle nervt: Nicht die Ablösung macht Angst, sondern das Danach — die Zeit, in der alle wieder Anfänger sind.

Was diesmal anders war

Diesmal sass neben dem Anfänger ein Tutor. Kein Kurs, kein Video, kein Forum — ein KI-Agent, der drei Eigenschaften hat, die kein menschlicher Lehrer und keine Dokumentation je gleichzeitig hatte:

Er kennt mein System, nicht irgendein System. Die Antwort auf «Warum tut dieses Fenster nicht, was ich will?» stand in keiner Anleitung, weil sie von meiner Konfiguration abhing — die der Agent kennt, weil er sie mitgeschrieben hat. Jede Antwort kommt im Kontext meiner Maschine, nicht als generisches Rezept, das man erst übersetzen muss.

Fragen kosten nichts. Keine Wartezeit, kein Terminfenster, und — das ist psychologisch grösser, als es klingt — keine Scham. Die tmux-Frage vom Liegestuhl war die dritte «dumme» Frage an diesem Tag. Beim Menschen überlegt man sich, welche Fragen man sich leisten kann. Hier fragt man einfach. Wer sich erinnert, wie viel man als Kind gelernt hat, indem man ununterbrochen gefragt hat, versteht, was das bedeutet.

Die Antwort bleibt. Was zweimal vorkommt, wird bei mir ein Runbook — aufgeschrieben vom Agenten selbst. Der klassische Lernverlust («das hatte ich doch schon mal gelöst…») entfällt, weil das Nachschlagewerk mit jedem gelösten Problem wächst. Beim dritten Mal ist es Routine.

Das Ergebnis in Zahlen, ehrlich geschätzt: Der Umstieg auf ein System, das mich früher einen Monat Reibung gekostet hätte, war nach wenigen Tagen produktiv. Nicht weil ich schlauer geworden wäre — sondern weil die Lernkurve nicht mehr steil ist, wenn jemand an jeder Stufe steht und erklärt.

Was der Tutor nicht abnimmt

Ehrlichkeit gehört zum Format. Drei Dinge nimmt einem der beste KI-Tutor nicht ab:

  • Das Muskelgedächtnis. Verstehen, wie man im Editor kopiert, ist eine Sache; es abends um elf automatisch richtig tun eine andere. Übung bleibt Übung.
  • Das Urteil. Der Agent erklärt drei Wege und empfiehlt einen. Ob die Empfehlung zu meinen Prioritäten passt, muss ich beurteilen können — und dafür muss ich genug verstehen. Wer blind übernimmt, lernt nicht, sondern delegiert das Denken.
  • Den Anfang. Die Entscheidung, sich nochmal auf die unterste Stufe zu stellen, trifft kein Werkzeug. Sie ist auch mit Tutor unbequem. Nur eben nicht mehr teuer.

Was das für Firmen heisst

Jetzt der Übertrag, denn er ist der eigentliche Punkt. Wenn die teuerste Angst im Berufsleben plötzlich günstiger wird, verschieben sich Rechnungen, die jahrelang gegen Veränderung sprachen:

«Unsere Leute können das neue System nicht» war 2020 ein schweres Argument — Schulungen, Produktivitätsverlust, Frust. 2026 steht neben jedem Mitarbeitenden derselbe geduldige Tutor, der neben mir sass: einer, der das konkrete System der Firma kennt, jede Frage im Kontext beantwortet und die Antworten in eine wachsende, firmeneigene Dokumentation verwandelt. Die Voraussetzung ist dieselbe wie immer in dieser Serie: Der Tutor muss das System sehen und die Doku schreiben dürfen — dokumentierte Prozesse, zugängliche Systeme. AI-ready eben.

Die Pointe zum Schluss: Von allen Dingen, die ich in diesem Umbau aifiziert habe, ist das Lernen das unterschätzteste. Über Passwörter und Reflexe reden alle. Dass die Lernkurve — das älteste Argument gegen jede Veränderung — gerade flach wird, redet kaum jemand. Dabei ändert genau das die Rechnung.

Die Sonntagsfrage

Welche Veränderung habt ihr — persönlich oder als Firma — zuletzt verschoben, weil das Neulernen zu teuer schien? Und würde die Rechnung heute, mit einem Tutor neben jedem Stuhl, noch gleich ausgehen? Falls nein: Vielleicht ist der Liegestuhl gar kein schlechter Ort, um nochmal Anfänger zu werden.

Fragen, eigene Anfänger-Geschichten? Schreib mir — ich antworte selbst. Bis nächsten Sonntag.

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