Sonntagsausgabe · Teil 10
Wie kommst du wieder raus?
Am Donnerstag, 4. September, fielen ChatGPT, Claude und Grok gleichzeitig aus. Weltweit, für Stunden. Für viele Firmen war das ein Tag ohne Vorwarnung — für uns ein Test, den wir vorher schon aufgeschrieben hatten.
Bei uns läuft ein KI-Agent, der einen guten Teil des Betriebs mitmacht: Software ausliefern, Beiträge planen, Zeiterfassung, Buchhaltung zuarbeiten. Er rechnet in der Cloud eines dieser drei Anbieter. An diesem Nachmittag stand er still.
Was weiterlief: die Mail-Einsortierung, die Suche im Firmenarchiv, das Diktat. Alles, was auf der Grafikkarte im eigenen Büro rechnet. Seit Juli ohne Unterbruch, auch an diesem Donnerstag.
Vor drei Wochen habe ich hier geschrieben, Souveränität sei keine Herkunftsfrage, sondern eine Austrittsfrage: nicht «wo steht es», sondern «was kostet es mich zu gehen». Das war die Theorie. Der 4. September war die Prüfung. Diese Sonntagsausgabe ist das Protokoll: der Austrittstest, gemacht an der eigenen Firma, mit Zahlen.
Der Test
Die Regel ist einfach. Nimm deine grössten Anbieter, für jeden eine Zeile. In jede Zeile eine Zahl: Wie viele Tage, bis wir ohne diesen Anbieter wieder arbeiten. Nicht «wie viele Tage, bis der Ersatz perfekt ist», sondern bis wir wieder Rechnungen schreiben, Mails beantworten, Kunden bedienen.
Die Zahl darf geschätzt sein. Sie darf nicht fehlen. Denn eine Zeile ohne Zahl ist kein Rechenfehler, sondern ein Entscheid, den noch niemand getroffen hat.
Hier ist unsere Liste. Sieben Anbieter, sieben Zahlen, Stand heute.
| Anbieter | Stufe | Tage bis wir ohne ihn arbeiten | Stand |
|---|---|---|---|
| Passwortmanager (bis Juli Dashlane) | Daten | 14 | gegangen, Juli 2026 |
| Mailserver (bis Juli Exchange) | Daten, Identität | 14 pro Domain | gegangen, Juli 2026 |
| Dienste beim Hoster | Betrieb | 3 | umgezogen, August 2026 |
| Domain-Registrar (Ausland) | Identität | 5 (Transferfrist) | Umzug terminiert |
| Beziehung | 0 für die Inhalte | gemietet, mit Absicht | |
| Cloud-KI für den Agenten | Betrieb | 0 für die Dokumentarbeit | lokal abgesichert |
| Lokale KI auf der eigenen Grafikkarte | Betrieb | 0 | läuft, seit Juli |
Zwei Zeilen davon haben mich überrascht. Der Rest bestätigt, was wir wussten. Aber die zwei sind der Grund für diesen Text.
Die erste Überraschung: die billigste Tür war die, vor der ich am längsten gezögert habe
Der Passwortmanager. Jahrelang nicht gewechselt, weil da alles drinliegt und man das nicht anfasst. Als wir es dann taten, war der Austritt genau das, was auf der Packung steht: Export, Import, zwei Wochen beide parallel laufen lassen, dann den alten kündigen. Vierzehn Tage, kein Datenverlust, kein Drama. Die Abhängigkeit war nie technisch. Sie war Gewohnheit.
Beim Mailserver dasselbe Muster, eine Stufe grösser. Zwei Wochen Parallelbetrieb pro Domain, die erste Domain als Pilot, dann die nächste. Der Mailserver gehört uns jetzt, auf einer Maschine, deren Konfiguration als Text im Versionssystem liegt. Wenn er morgen stirbt, steht er übermorgen wieder.
Die Lehre: Die Austrittszahl ist meistens kleiner, als das Gefühl sagt. Aber nur, wenn man sie einmal ausrechnet.
Die zweite Überraschung: die grösste Zahl steht nicht beim grössten Anbieter
Ich hätte auf den Hoster getippt. Ganze Server, alles drauf. Es ist die Zeile, die wir am besten im Griff haben, weil wir sie am häufigsten geübt haben: Jede Maschine ist als Text beschrieben, jedes Backup liegt verschlüsselt an einem zweiten Ort. Im August haben wir den halben Dienstbestand von einer Maschine auf eine andere gezogen — Mittwoch gespiegelt, Sonntag lief alles am neuen Ort, inklusive bewiesener Wiederherstellung aus dem Backup. Drei Tage.
Die grösste Zahl steht beim kleinsten Posten: dem Domain-Registrar. Zwölf Franken im Jahr, und unter dieser Zeile hängt alles andere — Mail, Anmeldungen, die Website, die Identität in den offenen Netzen. Wer die Domain hält, hält die Firma. Technisch ist der Austritt billig: Sperre lösen, Code holen, Transferfrist fünf Tage. Teuer wird er nur, wenn man ihn im Ernstfall zum ersten Mal macht. Genau deshalb hat der Wechsel zu einem Schweizer Registrar bei uns jetzt ein Datum im Kalender und nicht mehr einen Platz auf einer Liste.
Die Lehre: Sortier die Liste nicht nach Rechnungsbetrag. Sortier sie nach dem, was unter der Zeile hängt.
Die Zeile, die der 4. September beantwortet hat
Und dann die Cloud-KI — die Zeile, für die es keine Schätzung braucht, weil sie an diesem Donnerstag live geprüft wurde.
Für die Dokumentarbeit ist der Ersatz längst da, und er ist gemessen besser: Das Modell auf der eigenen Grafikkarte hat im August auf unseren Buchhaltungsdaten in vier von fünf Disziplinen die Cloud geschlagen, bei null Franken pro Durchlauf. Deshalb liefen Mail-Einsortierung, Archivsuche und Diktat am 4. September einfach weiter. Null Tage, ohne dass jemand etwas umstellen musste.
Beim Agenten, der Software ausliefert und Abläufe mitbetreibt, sieht die Antwort anders aus: Dort ersetzt heute kein lokales Modell die Cloud, also haben wir für jede seiner Aufgaben die Anleitung, wie ein Mensch sie von Hand macht. Am 4. September war das ein Nachmittag ohne Automatik. Kein Stillstand, kein verlorener Auftrag, keine Improvisation — die Arbeit lief langsamer, bis der Dienst zurück war.
Das ist der ganze Unterschied zwischen Abhängigkeit und Entscheidung: Wir kaufen Cloud-Leistung zu, weil sie heute die bessere ist. Und wir wissen für jede Aufgabe, was der Ausfall kostet — in Stunden, nicht in Vermutungen.
Was wir nach dem Test entschieden haben
Ein Test, der nur eine Tabelle produziert, ist eine Fleissarbeit. Drei Entscheide sind daraus geworden, jeder eine Zeile lang.
- Was Dokumente liest, läuft zuerst auf der eigenen Grafikkarte. Die Cloud ist ab sofort die Ausnahme, nicht der Normalfall — sie ist schneller zu haben, aber sie ist nicht schneller.
- Der Registrar-Wechsel hat ein Datum. Mit Testlauf an einer unwichtigen Domain zuerst, damit die fünf Tage geübt sind, bevor sie zählen.
- Eine Zeile pro Neuanschaffung. Bevor wir einen Dienst kaufen, steht die Austrittszahl im Entscheid. Wer sie nicht nennen kann, kauft nicht. Das gilt für jeden Anbieter, und es gilt zuerst für uns selbst.
Deine Version des Tests
Zehn Minuten, ein Blatt Papier, kein Berater. Schreib deine fünf wichtigsten Dienste untereinander: Buchhaltung, Mail, Ablage, das Branchenprogramm, die Plattform, auf der deine Kunden dich finden. Daneben je eine Zahl in Tagen.
Unter drei Tagen: souverän. Du bleibst, weil du willst.
Über dreissig Tagen: Das ist kein Regler mehr. Das ist ein Schalter, und jemand anderes hat die Hand drauf.
Eine Zeile ohne Zahl: Das ist dein nächstes Projekt — und die einzige Zeile, die dich im Ernstfall wirklich überrascht.
Bei uns hat der Test sieben Zeilen und sieben Zahlen ergeben. Die grösste steht bei zwölf Franken im Jahr. Genau dafür macht man ihn.
Welche Zahl steht bei deinem grössten Anbieter?