Sonntagsausgabe · Teil 6
Sechs Wochen später: die ehrliche Bilanz
Du sitzt im Termin. «KI verändert alles», sagt der Berater. Du fragst, was es kostet. Und dann kommt: kommt drauf an.
«KI verändert alles» ist ein Satz ohne Preisschild. Nach sechs Wochen Komplettumbau — neues Betriebssystem, eigene Server statt Cloud-Abos, ein KI-Agent als ständiger Mitarbeiter — liegt unseres auf dem Tisch. Diese Sonntagsausgabe ist die Abrechnung: alle Posten, auch die peinlichen.
Franken: die grossen Posten zuerst
Die ehrliche Rechnung beginnt bei der Hardware: Für die eigene KI-Maschine — Grafikkarte der obersten Klasse, Mainboard, Prozessor, alles ordentlich — musst du rund 10’000 Franken einsetzen. Wer dir erzählt, ernsthafte KI im eigenen Haus gebe es gratis, verkauft dir etwas anderes.
Der zweitgrösste Posten ist der Agent selbst: In sechs Wochen intensiven Aufbaus hat er Rechenleistung für rund 4’700 Franken verbraucht. Das ist die Aufbau-Intensität, nicht der Dauerbetrieb — aber sie steht hier, weil sie in keinem Prospekt steht.
Dagegen ist der Serverposten fast rührend: etwa 30 Franken im Monat für die gemietete Maschine, auf der Mail, Kalender, Ablage und die Automatisierung laufen — bewusst die grössere Variante, Ehrlichkeit heisst auch: nicht mit dem Sparmodell rechnen, das man nächsten Monat ohnehin aufrüstet. Die gekündigten Abos — Passwortmanager, Produktivitäts-Suite, Cloud-Speicher — decken diese Serverrechnung. Mehr nicht. Wer den Umbau als Sparprogramm plant, rechnet falsch: Es geht um Besitz, nicht ums Sparen.
Stunden: die ehrlichste Währung
Rund 200 Stunden in sechs Wochen, Abende und Wochenenden. Keine defensive Zahl, kein Kleinrechnen: Das war ein Vollumbau des digitalen Lebens einer Firmengruppe, und ich wusste an jedem Abend, was ich tue und wofür. Ein Teil davon war Lernkurve — neues Betriebssystem, neue Werkzeuge —, und diesen Teil zahlt man genau einmal. Wichtig für alle, die mitrechnen: Das ist kein Massstab für ein Kundenprojekt. Ich habe das ganze Fundament selbst gebaut, inklusive aller Irrwege. Wer auf dem fertigen Fundament aufsetzt, braucht einen Bruchteil davon.
Pannen: die Liste, die in keinem Erfahrungsbericht steht
Vollständigkeit ist hier der Punkt, chronologisch:
- Die interne Zone, die öffentlich war — das Sicherheitsloch aus Teil 2. Gefunden durch eigenen Test von aussen, nicht durch einen Angreifer. Glück gehabt, Prozess geändert.
- Das Rauschen in der Vorlesestimme — das ungerade Byte aus der Werkstatt-Geschichte. Kostete einen Abend Detektivarbeit und lieferte die beste Geschichte der Serie.
- Der übereifrige Postbote: Unsere eigene Mail-Automatisierung räumte die Bestätigungscodes weg, die ein Onlinedienst uns schickte — worauf der Dienst uns für Stunden sperrte. Die eigene Automation als Gegenspieler: damit hatte niemand gerechnet.
- Der Stromausfall: Die KI-Maschine im Büro war einen Tag lang tot — kein Defekt, ein Stecker. Seither steht «Fernschalter» auf der Einkaufsliste.
Und die Abbrüche — angefangen und bewusst beerdigt: ein Automatisierungs-Baukasten, der mehr Pflege brauchte als er ersparte, und eine Passwort-Zwischenlösung, die dem eigenen Anspruch nicht standhielt. Auch das ist Teil der Rechnung; wer nie etwas wegwirft, hat nie etwas ausprobiert.
Der Ertrag, der die Rechnung dreht
Die Gegenrechnung ist keine Franken-Ersparnis. Sie heisst Wiederverwendung: Dieselbe Plattform — Mail, Kalender, Ablage, Dokumenten-Archiv, der Agent obendrauf — trägt heute fünf Entitäten: zwei Privatpersonen und drei Firmen. Gebaut wurde sie einmal. Jede weitere Entität kostet einen Bruchteil, denn das Fundament steht. Dazu vier Kanäle, die aus einer einzigen Maschine bespielt werden: diese Website, zwei LinkedIn-Auftritte, Instagram — und was hier erscheint, entsteht zweisprachig, vertont und signiert, weil der Agent die Fleissarbeit trägt.
Das Fazit, in einem Satz
Rund 200 Stunden und 15’000 Franken — dafür ein Fundament, das fünf Entitäten trägt und mit jeder weiteren günstiger wird: Diese Rechnung geht nicht über das Sparen auf, sondern über das Bauen.
Die Sonntagsfrage
Welches Preisschild fehlt in deiner eigenen KI-Rechnung — die Lernkurve, der Betrieb, oder die Kosten des Nichtstuns?
Die Sonntagsausgabe erscheint jeden Sonntag. Nächste Woche: warum das digitalste Setup einen analogen Anker hat — was noch aufs Papier gehört.