Marketing · Teil 1
Kanäle, die dir gehören

Morgen sperrt LinkedIn dein Konto. Kein Grund, kein Einspruch, keine Vorwarnung. Was bleibt dir?
Falls du diesen Beitrag über LinkedIn gefunden hast: Er erreicht dich über einen Kanal, der uns nicht gehört. Das ist in Ordnung — solange es nicht der einzige ist.
Die Sonntagsausgabe zur Sichtbarkeits-Maschine hat die Kanalfrage im Überblick behandelt. Dieser Teil steigt dort ein, wo es konkret wird: Was heisst «Besitz» bei einem Kanal überhaupt — und wie sehen die Alternativen aus, von denen viele KMU-Entscheider noch nie gehört haben?
Geliehene Reichweite ist ein Klumpenrisiko
Wer zehn Jahre lang ein Publikum auf einer Plattform aufbaut, besitzt — nichts. Der Zugriff darauf gehört der Plattform: Der Algorithmus entscheidet, wer die Beiträge sieht (und drosselt gern, was Links nach draussen trägt). Die Regeln können sich ändern, das Konto kann gesperrt werden, im Zweifel ohne Begründung und ohne Einspruchsweg. Man kennt nicht einmal die Adressen der eigenen Follower.
Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern Geschäftsmodell: Die Plattform vermietet Aufmerksamkeit. Miete kann steigen, Mietverhältnisse können enden. Wer sein Marketing vollständig darauf baut, hat sein Schaufenster in einem Gebäude eingerichtet, dessen Hausordnung er weder kennt noch beeinflusst.
Das Modell: Nabe und Speichen
Unsere Antwort ist ein altes Muster mit neuem Ernst: Die Nabe gehört uns, die Speichen tragen nach aussen. Die Nabe: Website, Blog, Newsletter-Liste, RSS. Jede Speiche hat ein anderes Besitzverhältnis — und das ist Absicht, aufsteigend sortiert:
Stufe 1, gemietet: LinkedIn. Dort sind die Entscheider, also sind wir dort — professionell und mit klaren Grenzen: Teaser am Erscheinungstag, handgeschriebene Antworten, keine Automatisierung (die Nutzungsregeln verbieten sie für Profile, und wir halten Regeln auch dann, wenn niemand hinsieht). LinkedIn ist Schaufenster, nie Lager.
Stufe 2, protokoll-verankert: Bluesky. Für die meisten neu: Bluesky sieht aus wie ein schlankes Twitter, beruht aber auf einem offenen Protokoll. Die für Firmen entscheidende Eigenschaft: Der Benutzername ist eine Domain. Wir heissen dort nicht @analytikdata1234, sondern so wie unsere Website — der Beweis, dass der Account echt ist, steckt im Namen selbst, kryptografisch verankert über einen DNS-Eintrag, den nur wir setzen können. Ein Firmenkonto einzurichten dauert einen Abend; der Domain-Nachweis ist der einzige technische Schritt, und er ist einer, den dein Webmaster kennt.
Stufe 3, selbst betrieben: das Fediverse. Noch mal neu für viele: Das Fediverse ist kein Dienst, sondern ein Verbund tausender unabhängiger Server, die dasselbe Protokoll sprechen — Mastodon ist der bekannteste Vertreter. Man kann dort ein Konto auf einem fremden Server eröffnen. Oder man geht den Schritt, den wir gegangen sind: einen eigenen Knoten betreiben. Unsere Instanz läuft auf unserer Infrastruktur, unter unserer Adresse, mit unseren Regeln. Niemand kann dieses Konto sperren, niemand den Algorithmus ändern — es gibt keinen. Radikaler ist Besitz in sozialen Medien nicht zu haben. Aufwand: für eine schlanke Ein-Konto-Instanz (GoToSocial) ein Wochenend-Nachmittag plus normale Server-Pflege.
Stufe 0, die Basis: der Newsletter. Unspektakulär und allem überlegen: eine doppelt bestätigte Adressliste auf eigenem System. Kein Algorithmus zwischen uns und den Lesern, exportierbar, umziehbar. Wenn morgen jede Plattform verschwindet, bleibt der Draht bestehen.
Was automatisiert wird — und was nie
Die Staffelung zahlt sich bei der Automatisierung aus, denn die Regeln unterscheiden sich je Besitzverhältnis: Auf der eigenen Instanz und bei Bluesky verteilt der Agent jede News automatisch — offene Protokolle, offizielle Schnittstellen, ausdrücklich erlaubt. Bei LinkedIn endet die Automatisierung beim Entwurf: geplant und beantwortet wird von Hand. Und in Communities wie Foren gilt: gar nicht. Wer dort automatisiert wirbt, verbrennt den Ruf, um den es eigentlich geht.
Die Glaubwürdigkeits-Dividende gibt es gratis dazu: Eine Firma, die «Own Your Stack» erzählt und ihre Kanäle bei zwei Konzernen mietet, wäre ihr eigenes Gegenargument. Auf den offenen Netzen präsent zu sein ist Teil der Botschaft — dort erreicht man heute genau das Publikum, das solche Entscheidungen beruflich trifft: Entwickler, Admins, Datenschutz-Leute. Es ist kleiner als auf LinkedIn. Es ist das richtige.
Der Einstieg, pragmatisch
Falls du morgen anfangen willst, in dieser Reihenfolge:
- Newsletter-Liste anfangen — selbst gehostet oder bei einem europäischen Anbieter mit Export-Garantie. Ab dem ersten Abonnenten besitzt du Reichweite.
- Bluesky-Konto mit Domain-Handle — ein Abend, ein DNS-Eintrag, und deine Firma ist verifiziert präsent.
- Fediverse: erst Konto, dann eigener Knoten — anfangen kann man auf einer bestehenden Instanz; der eigene Server ist der Ausbau-Schritt, wenn Stufe 1 und 2 laufen.
Und die Prüffrage, die alles zusammenfasst: Wenn dein wichtigster Kanal morgen die Regeln ändert — was bleibt dir? Wenn die Antwort «nichts» ist, weisst du, wo du anfängst.
Teil 1 der Marketing-Reihe. Am Sonntag schliesst die Sonntagsausgabe den Sommer ab: zwei Monate in Leserzahlen — gemessen, versteht sich, ohne jemanden zu überwachen.